ERASMUS+ in Helsinki: Lehrerfortbildung mit der European Teacher Academy
Möchtest du, möchten Sie wissen, was in Finnland – gleich nach der Sauna, die natürlich an allererster Stelle steht, – die wichtigste gesellschaftliche Einrichtung überhaupt ist – geliebt, regelmäßig besucht und regelrecht unverzichtbar? Die Bibliothek! Jede kleinste Gemeinde hat eine, und sie ist mehr als ein Haus voller Bücher und anderer Medien zum Ausleihen; sie ist ein Ort der gesellschaftlichen Teilhabe. Zum 100. Geburtstag des Landes, 2017, hat sich das kleine Land die wohl größte und schönste moderne Bibliothek geschenkt, die man sich denken kann, und sie in der Hauptstadt genau gegenüber dem Parlament platziert, wo sie als Wohnzimmer der Bevölkerung von Helsinki und offen für jeden Gast einen Möglichkeitsraum darstellt, (zum Lesen, zum Ruhen, zum Diskutieren, zum Recherchieren, zu Vorlesen, zum Schachspielen, aber auch zum Nähen, Backen, Basteln, Gamen an den neuesten Konsolen, 3-D-Drucken, Laserschneiden, Hörspiel-Produzieren, Song-Einspielen und vielem mehr), der alles quasi kostenlos bereitstellt, was gebraucht wird – „kaikille“ (finn.) – „für jede/n.“ Täglich blicken Politiker bei ihrer Arbeit auf dieses Gebäude, und wenn auf den Stufen des Parlaments demonstriert wird, wird der Schall der Stimmen durch die Architektur des Bibliothekgebäudes zurückgeworfen und verstärkt. [Wer jetzt neugierig ist, schaue unter www.oodi.fi]
Warum diese Impression am Anfang? Weil sie einiges sagt über gesellschaftliche Werte und gesellschaftliches Selbstverständnis, wie sie sich auch im Schulwesen des Landes widerspiegeln, von dem ich kurz berichten möchte. Dank ERASMUS+ durfte ich die Faschingswoche 2026 in Helsinki verbringen. Mit großen Erwartungen und vielen Fragen habe ich die Reise zu einer Fortbildung angetreten, welche „Nordic Education Excellence Unveiled“ titelte, also die Geheimnisse des skandinavischen Bildungswesens zu enthüllen versprach. Und tatsächlich bot dieser Kurs ein vertieftes Verständnis von der Andersartigkeit des skandinavischen Konzepts von Schule. Wohl jede/r weiß, dass die skandinavischen Länder eine neunjährige gemeinsame Schulzeit (und Schule – mit allen Vor- und Nachteilen) für alle Kinder haben, und dass dort weit weniger als hier Bildungserfolg und Herkunft in engem Zusammenhang stehen. Wie entschieden aber dieser schulpolitschen Entscheidung gesellschaftliche Werte zugrunde liegen, die von allen getragen und bis heute kaum hinterfragt werden, konnte ich vor Ort erleben. So gehört zur kostenlosen bzw. staatlich und damit steuerlich finanzierten Schulbildung in Finnland – und anderen Staaten des Nordens – die Versorgung aller Schulkinder mit: Gebäuden, Lehrkräften, Schulkrankenschwestern und anderem Personal der multiprofessionellen Teams, täglichem Mittagsessen, zum Teil auch in den Ferien, sämtlichen Schulmaterialien und u.U. Sportbedarfsartikeln sowie Angeboten der Nachmittagsbetreuung. Soziale Auslese wie bei uns findet quasi nicht statt – so wurde es uns vermittelt; die durchaus existierenden Privatschulen im Land wurden nicht erwähnt. Im Gegenteil: Als Ausnahme im skandinavischen Raum wurde Schweden dahingehend angeführt, das vor ein paar Jahren Privatschulgründungen zuließ und inzwischen Mühe habe, die damit verbundenen negativen Entwicklungen abzufedern.
Großer Wert wird sowohl in der Schule als auch im Elternhaus und der Gesellschaft auf die Autonomie und Eigenverantwortlichkeit auch schon kleiner Kinder und junger Schüler gelegt. Ich nenne zwei Beispiele. Erstens: Es gibt in der Nationalbibliothek Oodi Büchereiausweise für Dreijährige und niedrig platzierte Computer zum frühen selbständigen Ausleihen von Büchern. Zweitens: Es gibt kein Problem mit ‚Elterntaxis‘, da die Kinder es als peinlich empfinden, gefahren zu werden. Auch zur Grundschule schon kommt man alleine, mit Bus, Bahn oder Rad. Vermittelt wird in Elternhaus und Schule – in Finnland – die Nationaltugend ‚Sisu‘, die so etwas bedeutet wie „der Glaube, es schaffen zu können“ / „die Überzeugung, etwas durchstehen können“. Das Wort wird übersetzt als mentale Stärke, Zähigkeit, Ausdauer, Beharrlichkeit und hat eine hohe identitätssiftende und empowernde Kraft – ohne jeglichen Beiklang von Selbstoptimierung oder Chauvinismus.
Mit dem „Nordic Way“ des Bemühens um eine gemeinsame Identität und Chancengerechtigkeit, ist auch verbunden, dass großen Wert darauf gelegt wird, dass sich jedes Kind in der Schule sicher, gesehen und gehört fühlt („trygghet“ nennen die Schweden dieses Konzept). Die zentralen Werte des Vertrauens, der Teilhabe und Autonomie werden auch über die große Bedeutung, die interdisziplinären Lernformen im alltäglichen Lernen zukommt, realisiert. Das „phenomenon-based-learning“, in dem übergreifende Themen aus Perspektive verschiedener Fächer unter die Lupe genommen werden, oft auch mit Nachhaltigkeitsthemen verbunden, kennen auch wir. Die Schulen zu öffnen in den Stadtteil, für Kooperationen oder das reale Leben betreffende Fragestellungen, die Idee, Schule und Schüler in Bewegung zu bringen durch Outdoor-Pausen etc. – all das ist auch bei uns nicht unbekannt.
Projektarbeit, eigenverantwortliches Lernen, Schülerorientierung und Stärkenorientierung (hier fühlte ich mich sehr erinnert an das Growth-Mindset nach Coral Dweck, Stanford, USA) sind an den meisten Gymnasien in Deutschland jedoch wohl keineswegs die Regel, sondern finden in wenigen Klassen oder Kursen statt oder sind auf einzelne aufwändig organisierte Projekt- oder Studientage begrenzt und tragen immer eher den Charakter der Außergewöhnlichen.
Die finnische Gesellschaft ist mit 5,5 Millionen Einwohnern sehr viel kleiner als die deutsche und die Rede von gemeinschaftstiftenden „finnischen Werten“ kann unbelasteter stattfinden als bei uns in Deutschland, wo immer der Ton der Vergangenheit nachhallt und aus gutem Grund auch weiterschwingen soll. Eine tägliche praktische Umsetzung gemeinsam getragener Werte im Schulalltag – und sei es der Schutz unserer Umwelt, der schonende Umgang mit Ressourcen, aber auch mit der Ausstattung insgesamt, der rücksichtsvolle Umgang miteinander und die Eigenverantwortlichkeit für jeden kleinen Schritt dabei – scheint mir aber ein Anliegen, das auch wir noch stärker in den Blick nehmen könnten.
Über das Lernen im Kurs, auf Exkursionen und durch Erprobung digital gestützter, aber auch völlig Material-unaufwändiger, Schüler aktivierender „Tools“ hinaus war insbesondere auch der Austausch mit Kollegen anderer europäischer Länder und Schulformen gewinnbringend. Fragen der Schulorganisation sowie Möglichkeiten und Grenzen der Übertragbarheit mancher Methode und manches Konzeptes des so erfolgreichen skandinavischen Ansatzes, aber auch Eindrücke von der finnischen Hauptstadt und Beobachtungen über den Umgang der Menschen miteinander wurden besprochen.
ERASMUS+ ist eine den Horizont erweiternde Einrichtung. Mein Fazit für diesen Kurs in Finnland: Es war ein großer Gewinn und eine unvergessliche Erfahrung. Zurück komme ich zwar mit mindestens so vielen Fragen, wie ich abgefahren bin, aber zum Teil anderen und einer großen Lust, mich gleich auf die Suche nach Antworten zu machen. Die Begegnungen vor Ort haben mich begeistert und inspiriert. Skandinavische Exzellenz wird vor allem anhand von Beispielen der Jahrgangsstufen vom Kindergarten bis zum Ende der Sekundarstufe I bzw. bis zum Ende der Mittelstufe präsentiert, und bereits in der ersten Deutschstunde nach den Ferien konnte ich Gelerntes in Klasse 5 ausprobieren. Gleichzeitig ist deutlich, dass von der in den früheren Jahren erworbenen Selbständigkeit, Stärkenorientierung, Sisu-Haltung u.ä. gewiss auch Oberstufenschüler profitieren. Neues auszuprobieren, dafür ist es nie zu spät. Nächste Woche werde ich gleich mal in meinem Deutsch-Leistungskurs mit den Gesprächskarten aus Finnland arbeiten ….
